Besser spät als nie:

März 20, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Auszüge aus der Rede von Frau Pohlendt bei der Vernissage
„Fotogemälde“ Homoth und Kahlert am 28.4.2012 im Landesinstitut für Lehrerbildung, Hamburg

Ich möchte Sie gerne einen Augenblick lang in die Welt der Romantik entführen und die Geschichte von Peter Schlemihl erzählen. Sie handelt von einem jungen Mann, der nach einer langen Seefahrt nach Holland zurück kehrt, mittlerweile verarmt ist, dort aufgenommen wird in das Haus eines reichen Kaufmanns und sich trotzdem ein bisschen gekränkt fühlt, weil er nicht auf großem Fuß leben kann und dann kommt ein grauer Herr daher und sagt: „ Du kriegst einen Sack voll Dukaten und der wird nie leer, wenn Du mir Deinen Schatten verkaufst“. Peter Schlemihl findet das sehr attraktiv und nimmt das Angebot sofort an. Jeder weiß von uns natürlich, wer der graue Herr ist, aber Peter Schlemihl wusste es nicht und lebt erst einmal auf großem Fuß. Aber leider bemerken alle, dass der Schatten verschwunden ist – und schon ist er Außenseiter. Er hat etwas nicht, was alle haben, nämlich keinen Schatten und damit lebt es sich nicht so gut.
Er schafft es an einem fremden Ort, das ein bisschen zu camouflieren, das heißt er bewegt sich nur nachts oder in der Dämmerung durch die Gegend. Dann verliebt er sich. Aber der jungen Frau wird von ihrem Vater verboten ihn zu heiraten, solange er keinen Schatten hat. Also trifft er den Teufel wieder (mittlerweile kriegen wir raus, es ist der Teufel) und der Teufel sagt: „Du kriegst den Schatten wieder, wenn Du mir Deine Seele verkaufst“. Das will Peter Schlemihl aber nicht machen. Also Schatten und Seele sind innig verbunden. Merkt man.

Bilder, die gleichzeitig Fotos und Gemälde zu seien scheinen:

Friederike und Rüdiger haben mir erzählt, ihre Arbeiten heißen Foto-Gemälde oder auf Internet-Deutsch: Foto minus Gemaelde. Es ist eine spannungsreiche Beziehung zwischen Malerei und Fotografie. Es ist so: seit die Fotografie in die Welt gekommen ist, fühlen die Maler sich nicht mehr verpflichtet abzubilden was man sieht. Hingegen sagt uns der allgemeine Kunstverstand – das Bild ist toll, das sieht aus wie ein Foto, nämlich ganz echt. Hier handelt es sich um zwei Irrtümer:
Der Eine ist: „ein tolles Bild ist eins, was ganz echt ist“ also so aussieht wie ganz echt und sonst nichts. Und der Zweite ist: „Fotografien bilden die Wirklichkeit ab.“

Die Fotografen im 19. Jahrhundert waren verfehmt als Nichtkünstler. Das hat erst für Hamburg Alfred Lichtwark gewendet, der in dem frühen 20. Jahrhundert Fotografen ausgestellt hat und versucht hat diese in den Kunstkontext einzubinden. Die Fotografen haben sich fürchterlich dafür geschämt, dass sie nicht Künstler waren. Sie haben im 19. Jahrhundert versucht, Kunst zu imitieren. Zum Beispiel, in dem sie Fotografien gemacht haben – wie gemalt. Weichgezeichnet mit einem ganz atmosphärischen Licht. Es ging eigentlich darum zu leugnen, dass man fotografiert.

Im beginnenden 20. Jahrhundert haben die Fotografien die konstruktivistische Malerei imitiert. Ich denke an Moholy Nagy mit seinen Architekturfotos und Bauhausfotos. Oder auch an Künstler, die durch Überspiegelungen versucht haben Räume zu erzeugen, die nahezu kubistisch waren. An Wols, der Strukturen so fotografiert hat, dass sie aussahen wie informelle Malerei und dieses alles, um einzuholen, dass man doch Künstler ist – auch als Fotograf. Natürlich war man auch Künstler – nur eben auch in der Wirkung der Bedeutung. Dann haben wir auch noch Fotografen, die jetzt längst im Kunst-Kontext gelandet sind, die inszenierte Fotografie machen: Also wunderbar mit Licht und Arrangement spielen. Ich denke hier an Jeff Wall oder an Cindy Sherman. Andererseits aber auch an Künstler, die die Dokumentarseite der Fotografie, also nicht nur „wie echt“ sondern „echt“ ausbauen und als Kunst relativ trocken verkaufen. Diese Fotografie kommt nie daher als „schön“, sondern sie kommt daher als „ich erfahre etwas über das Leben“, das dokumentiert wurde. Ich denke an Taryn Simon, deren Arbeiten im letzten Herbst in Berlin in der Nationalgalerie zu sehen waren,– eine große Ausstellung.

Auf der anderen Seite gibt es die Maler, die nun ihres originären Auftrags „ein Fenster zur Welt zu bieten“ im 19. Jahrhundert mit der Erfindung der Fotografie verlustig gegangen sind. Sie haben sich aber der Fotografie durchaus bedient. So haben die Impressionisten entdeckt, dass man Ausschnitte bilden kann, indem man anschneidet, was sich vor der Entdeckung der Kamera, die ja mit Sucher arbeitet, niemand wirklich getraut hat.

Ich denke an Künstler der 20.er Jahre, des Dadaismus, die frech, wie sie waren, auch Fotos schlicht und einfach in ihre Bilder einmontiert haben. Oder daraus Kunst gemacht haben, indem sie collagiert haben – Hanna Höch. Ich denke an die Kubisten, an Kurt Schwitters, in dieser Tradition auch an Robert Rauschenberg, der auch Fragmente der Wirklichkeit in seine Bilder einmontiert hat.
Ich denke auf der anderen Seite an die Pop-Art, die Fotografie in verschiedenster Weise überarbeitet hat – also zum Beispiel Andy Warhol, der aufgrund von Fotos Siebdrucke gemacht hat und den Schmutz des Mediums Siebdruck in diese wunderbaren Fotos eingebaut hat. Sozusagen die „Medialität“ zum Thema gemacht hat.
In dem Zusammenhang denke ich an den Fotorealismus, der nicht etwa deshalb realistisch ist, weil er abbildet, wie ein Foto, sondern weil er das Foto abbildet, wie es Realität abbildet, mit allen Unschärfen und Unsauberkeiten des Mediums. Und ich denke an den wunderbaren Gerhard Richter, an Arnulf Rainer, der Fotos übermalt und an Sigmar Polke, der Fotos persifliert. All dies gibt es in diesem Kontext, also eine ganz vielfältige und reiche Geschichte innerhalb der Fotografie und Malerei.

Eins habe ich nicht entdeckt, nämlich einen Fotografen, der Malerei fotografiert und dieses in einer unauslöschlichen Verbindung zur Kunst macht. Es gibt schon Leute, die Gemälde fotografieren in Arrangements, aber das was hier passiert, hab ich nirgendwo entdeckt.

Was machen sie nun zusammen?

Wer sind Friederike Homoth und Rüdiger Kahlert? Friederike stammt ursprünglich aus Berlin, hat an der HDK dort studiert, unterrichtet Kunst und Religion. Rüdiger hat Biologie und Sport studiert, eine Zusatzausbildung absolviert und macht ein Profil, in dem Schüler in das Veranstaltungsmanagement eingeführt werden. Friederike malt, indem sie angeregt wird durch Dinge, die sie sieht – die sie in Kompositionen umsetzt. Sie guckt sich an, wie wurde etwas zum Bild, was ich sehe – ohne dass sie es abbildet. Rüdiger kommt eigentlich vom Film her, von der Fotografie und vom Ton – und mehr von der angewandten Seite, Friederike mehr von der freien Seite.

Es gibt in den Bildern Gemaltes und es gibt Fotografiertes und beides kommt zusammen. Und das Gemalte, das sind Objekte. Kleine Dinge, Friederikes Bilder haben immer einen leichten Objekt – Charakter. Hier sind es bemalte Objekte, also Holzklötze oder Schachteln, die malerisch verarbeitet sind. Und diese werden ausgeleuchtet. Licht ist immer – oder fast immer – farbig. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und dieser Schatten bildet eine eigene Form. Er bildet einen Eigenwert. Er löst sich nicht vom Objekt, sondern er verbindet sich mit dem Objekt. Der Teufel kann ihn nicht stehlen!

Dieser Schatten ist in den Gemälden auf eine Weise vorhanden, so dass man nicht genau weiß, handelt es sich um den gemalten Teil oder handelt es sich um den fotografierten Teil. Ist das ein Ding, das vom Objekt erzeugt wird oder ist das etwas, was anders erzeugt wird?
Es gibt dabei einiges zu entdecken bezogen auf Komposition und es gibt einiges zu entdecken bezogen auf Schatten. Die Schatten sind zum Teil gebogen. Das ist etwas, von dem man denkt, das es vielleicht gar nicht möglich ist, weil ein Schatten ja so gerade wie eine Wand ist. Hier wird mit Hintergründen gearbeitet aber auch mit Leuchtkörpern. Es gibt scherenschnittartige Details. Es wird zum Beispiel durch Raster oder durch Schablonen hindurch fotografiert. So entstehen weitere Schatten auch durch diese Schablonen.

Jetzt kommen wir zum „Wahrheitsgehalt der Fotografie“: Wenn Menschen sagen würden: „Dieses hier ist so echt wie ein Foto“ und sie meinen, es ist authentisch, dann haben sie recht, denn: Nichts an diesen Bildern ist nachbearbeitet! Alles das, was man auf den Bildern sieht, konnte man einmal so sehen! Beide wählen gemeinsam einen Ausschnitt, wie im 19. Jahrhundert der Maler, der mit der Kameraerfahrung auf einmal merkt: „Wenn ich drei Millimeter nach links gehe, entsteht etwas anderes in der Welt, als wenn ich drei Millimeter nach rechts gehe. Und gut, es ist so, dass einige Dinge im Rechner und hinterher beim Zuschneiden der Formate passieren. Der Rechner muss vom Kameraprogramm zum Bildbearbeitungsprogramm umrechnen. Es geht dabei aber nicht darum, dass der Rechner verfälscht, sondern es wird versucht, einer Situation zu entsprechen. Dann kommt eine Formatänderung dazu, denn das Kameraformat und das Druckerformat ist etwas anderes, aber alles andere ist tatsächlich so, wie es gesehen wird.

All das, was man auf den Bilder sehen kann, konnte man im Atelier als Objekt vor der Kamera sehen und nicht als bearbeitetes Bild im Computer. Das ist wichtig zu wissen.

Freie Kunst und angewandte Kunst in gegenseitiger Inspiration

Mittlerweile kann man feststellen, dass wer angewandt arbeitet, nicht mehr auskommt ohne die Forschung des Freien, das heißt er braucht das Arbeiten ohne äußeren Auftrag, um Ideen zu haben. Dem Freien tut es gut zu schauen, was passiert in der Welt der angewandten Kunst und wie kann ich zum Beispiel das, was in der Veranstaltungstechnik passiert, für mich als Quelle der Inspiration nutzen.
Beide Künstler sind auch noch Lehrer. Im Gespräch wurde deutlich: Eigentlich könnten sie nicht ganz so gut Kunst machen, wenn da nicht auch noch ein anderes Standbein wäre. Wir wissen, dass Künstler, die frei arbeiten auch nicht so wirklich zum Eigentlichen kommen, weil sie nämlich auch noch für ihr Brot arbeiten müssen. Und das Eigentliche besteht dann darin, dass man eine Auflage macht, die man eigentlich gar nicht machen will. Oder das der Galerist sagt: „Mach doch noch mal so was, das verkauft sich so gut“. Dann sagt der Künstler: „Oh, ich komme gar nicht zum Eigentlichen, ich muss schon wieder so eine Kerze beleuchtet von rechts mit Weichzeichner malen, weil sich das so gut verkauft oder ich muss eine Auflage von fünfzig machen, obwohl ich doch eigentlich nur drei machen wollte.“
Wenn man den Künstlerberuf wirklich vollberuflich ausleben will, dann ist es ein extrem unter bezahlter Beruf. Wir wissen, 3 % von den Künstlern, die in der Sozialversicherung sind, können nur allein von der Bildenden Kunst direkt leben. Und von diesen sind auch nur ein ganz kleiner Teil wirklich richtig reich. Infolge dessen ist hier die Verbindung von einem geliebten Brotberuf mit einem geliebten Kunstteil zu sehen – wozu man gratulieren kann und man kann hoffen, dass viele diese Verbindung finden.

transkribiert von Ada von Oppen

Arbeitstreffen im März 2013

März 17, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Auch in diesem Frühjahr haben wir uns zu einem Arbeitstreffen verabredet. Diesmal regte uns das ungewöhnliche Winterwetter zu einer Fotoaktion außerhalb des Ateliers an. Die dort gesammelten Eindrücke haben wir versucht, in unsere Arbeit an den Fotogemälden zu integrieren.

Hier nun einige Studien zu Licht und Schatten draußen und drinnen:

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„drinnen und draußen“

Arbeitsstudien

Bilder zu Bildern beim offenen Atelier im November 2012

März 5, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

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Ausschnitte aus der Videoinstallation „Harlekin – wie die Dinge verschwinden“

zwei weitere Arbeiten aus dem Jahr 2012

März 5, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

"um die Ecke" digitaler Fotodruck auf Leinwand, 65 x 100 cm, 2012

„um die Ecke“
digitaler Fotodruck auf Leinwand, 65 x 100 cm, 2012

"sandig" digitaler Fotodruck, 65 x 100 cm, 2012

„sandig“
digitaler Fotodruck, 65 x 100 cm, 2012

Wo bin ich?

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